Woche 29 / 2018

Einblicke bieten - Ausblicke ermöglichen


Auf einem 19 Kilometer langen Rundweg zwischen Gondiswil und Reisiswil können bis Ende Oktober die Resultate eines beeindruckenden Schulprojekts besichtigt werden. Der Themenweg soll einerseits Einblicke in das schulische Schaffen geben, andererseits ungewohnte Ausblicke in die idyllische Landschaft ermöglichen. Es sind ungewohnte Bilder, die sich dem Besucher amMittwoch vor einer Woche auf dem Pausenplatz des Schulhauses Gondiswil bieten. Eine Schülerin betätigt einen riesigen Blasbalg, aus einer mobilen Esse züngeln Flammen und eine feine, dunkle Rauchfahne entweicht gegen den Himmel. Eltern beobachten das Geschehen – bald soll geschmiedet werden. Der Eriswiler Kunstschmied Roland Fornaro, der an der Schule Gondiswil-Reisiswil das Fach Gestalten in einem Teilpensum unterrichtet, wird allen Schülerinnen und Schülern aus der ersten Klasse dabei helfen, eine einfache Figur zu schmieden, sobald das Eisen die richtige Temperatur erreicht hat. Am Schluss werden aus den Objekten aller Jugendlicher zwei Skulpturen zusammengeschweisst, die ihren festen Platz bei den beiden Schulstandorten in Gondiswil und Reisiswil erhalten werden.


«An ein Schulprojekt mit diesen Dimensionen haben wir uns bisher noch nicht gewagt», sagt Esther Reinhard, die die Projektleitung innehat. Die Lehrerin für Gestalten wirkt energiegeladen, überhaupt nicht gestresst, obwohl längst noch nicht alles fertig sei. «Aber das ist bei einem Projekt von dieser Grösse wohl normal», sagt sie und lacht.

Einblicke in die Schule ...
Seit einiger Zeit schon arbeiten die 117 Kinder der Schule immer wieder an ihren unterschiedlichen Aufgaben zum Thema «Einblicke – Ausblicke». «Das tönt auf den ersten Blick vielleicht etwas nichtssagend», meint Esther Reinhard, «aber beim genaueren Hinschauen ist das ein absolutes Hammerthema ». Die Grundidee zum Projekt sei im letzten Schuljahr anlässlich einer Weiterbildung zum Lehrplan 21 entstanden. «Mit den an elf Standorten gestellten Objekten entlang des 19 Kilometer langen Themenwegs soll die Bevölkerung einen Einblick erhalten, wie an der Schule heute gearbeitet », betont Esther Reinhard.

... und ungewohnte Ausblicke auf die Landschaft
Und gleichzeitig erhält man durch die Kunstwerke ungewohnte Ausblicke auf die idyllische Landschaft rund um die beiden Dörfer, die ihre Schulen 2009 zusammengelegt haben. Exemplarisch dafür stehen etwa die Arbeiten der 1./2. Klasse von Schulleiterin Käthi Moser. Ihre Schülerinnen und Schüler haben eine Buchstabensuppe gestaltet – grosse Buchstaben aus einem Hartschaumstoff, die bunt bemalt wurden. Das Alphabet und die Thematik des Lesenlernens werden fächerübergreifend mit dem Gestalterischen verbunden – durch die auf dem Themenweg platzierten Buchstaben erhält der Betrachter aber auch ungewohnte Ausblicke auf die Umgebung.

In Reih und Glied: 26 Vogelscheuchen
Ausblicke, die auch Vorbeifahrende faszinieren. Im Dörfli in Reisiswil stehen 26 Vogelscheuchen in Reih und Glied entlang der Strasse, die nach Melchnau führt. Eine Autofahrer verlangsamt sein Gefährt, bis er schliesslich zum Stillstand kommt. «Einfach grossartig», erklärt er Esther Reinhard, «ich fahre bereits zum zweiten Mal hier vorbei und muss diese tollen Figuren nochmals genauer anschauen». Die 26 Kindergärtler von Daniela Nocella haben die wunderbaren Vogelscheuchen geschaffen. «Zuerst haben wir die Nase mit Heu ausgestopft», erklärt einer der Kindergärtler – «und dann haben wir den ‹Gring› gemacht», platzt ein anderer dazwischen. «Nur den Hut hat die Kindergärtnerin angenäht – damit er nicht weggeblasen wird», geht’s weiter «und die Vogelscheuche dann plötzlich ‹füdliblutt› dasteht.» Kleider aus der Brocki hat die Kindergärtnerin besorgt, zum Ausschmücken haben die Kinder verschiedenste Artikel von zu Hause mitgebracht, die nicht mehr gebraucht werden, nun aber einen neuen Verwendungszweck erhalten: Alte Besen, Kunststoffeier, Blumen, Plastikenten, Regenschirme oder alte Telefone schmücken die 26 wunderlichen Gestalten entlang der Strasse. Und dazu eine von den Kindern selbst verfasste Geschichte.

Fantasievoll, inspirierend und witzig
Keine Grenzen wurden bei der Themenwahl gesetzt – entsprechend vielfältig sind sie schlussendlich ausgefallen. Das geht von den beim Gondiswiler Seeli installierten «Teichguckern » und «Hie spielt d’Musig» über das «Stille Örtchen» und die «Waldpyramiden» bis zum «Traumschulhaus » und den «Future People». Im letzten Projekt haben die Schülerinnen und Schüler der 6.- 9. Klasse von Esther Jost überlegt, wie sie sich in 10 bis 15 Jahren sehen. Entstanden sind lebensgrosse Puppen – in Form einer Kellnerin (Nuria Jufer) oder einer Flugbegleiterin (Naomi Jufer). Am selben Standort beim Kindergarten Reisiswil steht auch die Figur von Urs Leibundgut. Der Neuntklässler wird zwar bald eine Lehre als Strassenbauer antreten, möchte aber später einmal eine eigene Garage führen. So vielfältig wie die Themen, so fantasievoll war man bei der Wahl der Materialien: Das im Werkunterricht bei Esther Reinhard gefertigte «Vier gewinnt»-Spiel besteht zum Beispiel aus gesägten und anschliessend bemalten Kartonröhren und alten Hornusserstecken! Ein besonders witziges Wortspiel liegt den Werken der 3. - 5. Klassen von Christine Howald zu Grunde. Sie haben «Gumi(s)-Tiere» geschaffen – das sind einerseits Gummitiere, die aus alten Pneus bestehen, andererseits Gondiswiler Tiere (oder eben Gumiswiler Tiere, wie die Einheimischen sagen).

Wettbewerb
Mit dem Themenweg verbunden ist ein Wettbewerb, bei dem drei schöne (kulinarische) Preise gewonnen werden können. Entlang des 19 Kilometer langen, ausgeschilderten Rundwegs, der die beiden Dörfer verbindet, befinden sich etliche Sitzbänke. Diese wurden fotografiert, ebenso die Aussicht, die man von dort aus geniessen darf. Es gilt nun, 3 x 9 Sitzbänke den 3 x 9 Ausblicken zuzuordnen, was nicht ganz einfach ist. Der Themenweg kann übrigens bis Ende Oktober besichtigt werden. Man kann überall in den Weg einsteigen und ihn wieder verlassen. Die Karte des Wegs kann übrigens mit dem QRCode bequem auf das Handy geladen werden.

THOMAS FÜRST