Woche 42 / 2018

Ein Schatzkästchen voller Erinnerungen


Das Dutzend ist nun voll. «Mein Blick in analoge Zeiten», das zwölfte Buch von Rudolf Baumann ist erschienen. Das mit über 800 Abbildungen reich bebilderte, 328 Seiten starke Werk erinnert an schon verschwundene oder verschwindende analoge Apparate und die Geräusche, Bilder und Gerüche, die vor nicht allzu langer Zeit unseren Alltag prägten und die in der digitalen Welt von heute nicht mehr existieren. Der Begriff Nostalgie wurde in der Schweiz geprägt. Der Basler Arzt Johannes Hofer (1662 - 1752) schuf ihn aus den griechischen Wörtern «nostos » (Heimkehr) und «algos» (Schmerz) und bezeichnete damit ein krank machendes Heimweh, das besonders Schweizer Söldner in der Fremde befiel. Daran erinnert der in Roggwil wohnhafte Rudolf Baumann, schon ganz am Beginn seines nunmehr zwölften Buches. Denn auch Baumann pflegt eine ganz besondere Art von Nostalgie: Er sammelt. Gegenstände aus der Vergangenheit.


Begonnen hat alles mit Trommeln
Das Interesse an der Vergangenheit und am Sammeln begleitet Rudolf Baumann schon lange. Aufgewachsen ist er im heutigen Trummlehus, das der berühmte Architekt Hector Egger für seinen Vater Max Baumann (1907 - 1998) als Wohnhaus und Zahnarztpraxis damals noch ganz am Rand der Stadt erstellte. Am selben Ort wirkte Baumann viele Jahre als Kieferorthopäde. Mit 50 Jahren musste er seine Arbeitstätigkeit wegen Problemen mit der rechten Hand auf 50% reduzieren und war fortan auch als Schulleiter in der Ausbildung von Zahnarztgehilfinnen tätig. «Mit 60 Jahren habe ich meine Praxis übergeben. Da hatte ich dann plötzlich ganz viel freie Zeit – und in dieser Situation war die Geschichte mein Antidepressivum», bemerkt Baumann mit Humor. Begonnen hat die Sammeltätigkeit Baumanns aber ursprünglich mit Trommeln. «Ein wahnsinnig guter Ausgleich zur minutiösen Arbeit des Kieferorthopäden», wie Baumann vermerkt. Untergebracht sind in der Stiftung Trummlehus in Langenthal neben den Rhythmusinstrumenten auch Sammlungen von Zinnfiguren, Fasnachtsobjekte, Spielzeuge, Bücher, Stiche, Kameras, Projektoren, Radios, Plattenspieler, Fernseher und andere analoge Medien.

Vaters Film- und Fotoapparate
«Schon mein Vater litt an einer ähnlichen ‹Krankheit› wie ich – er konnte einfach keine Apparate wegwerfen», sagt Baumann lachend. Ein Glücksfall. Darum beherbergt das Trummlehus heute eine grosse Sammlung an Film- und Fotoapparaten, denn Max Baumann, war neben seiner Tätigkeit als Zahnarzt ein begeisterter Hobbyfotograf und -filmer. «Er hat schon im ‹Gymer› Filme erstellt», erinnert sich Rudolf Baumann. Ein weiterer Bestandteil der Sammeltätigkeit ist das Fotoarchiv von Baumanns Grossvater Hans Zahler, das Baumann ebenfalls übernehmen durfte.

Einstieg mit einem Bilderbogen
Der Einstieg in das Buch erfolgt mit einem analogen Bilderbogen. Abgebildet sind Gegenstände, die dem Autor entweder selber gehören oder in seinem Leben eine Bedeutung gehabt haben. Nach diesem Einstieg widmet sich Baumann den unterschiedlichsten Themen: Von Glockengeläute und Schellengebimmel über Drucktechniken, Bücher, Gartenzwerge, Zinnsoldaten, Fotografien, Radio und Fernsehen bis hin zu analogen Schätzen in Schweizer Museen. Ein ganzes Schatzkästchen voller Erinnerungen!

Lange vor den Panini-Alben ...
In einem Kapitel erinnert sich Baumann etwa der Geschichte der Klebebilderalben. Eine Geschichte, die über 100 Jahre zurückreicht und – Fussballfans wissen das – auch heute noch aktuell sind: Wenn nämlich im Vorfeld von Fussballwelt- oder Europameisterschaften das «Panini-Fieber» ausbricht... Während man heute die Panini- Bilder kaufen muss oder allenfalls tauschen kann, wurden in der Vergangenheit den Verkaufspackungen Bilder beigelegt, die dann in Alben geklebt werden konnten. Eine Idee, die um 1890 in den USA geboren wurde, als Zigarettenhersteller ihren Packungen erstmals solche Bilder beilegten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand diese Idee ihren Weg in die Schweiz. Schokoladefabriken wie Nestlé-Peter- Cailler-Kohler, Lindt & Sprüngli, Tobler, Suchard und Grison oder der Waschmittelhersteller Steinfels begannen damit, ihren Produkten kleine, gezähnte Bilderbogen beizulegen. 1936 entstand dann der Fip-Fop- Club, der sich rasch in der ganzen Schweiz verbreitete. Hier wurden als Hauptatraktion Filme gezeigt und davor, in der Pause und nachher konnten NPCK-Bücher gekauft und gegen Punkte Bilder, zum in diese Alben einkleben, eingetauscht werden. Auch Verlage wie Avanti, Silva und Mondo führten später ein Punktesystem ein. Viele Illustrationen begleiten auch in diesem Kapitel das Geschriebene und dürften bei ganz vielen Leserinnen und Lesern ein «Weisch no?»- Gefühl hervorrufen.

Etwas Lokalkolorit
Eher eine Nebenrolle spielen im jüngsten Buch von Rudolf Baumann Sujets und Geschichten aus dem Oberaargau. Und gleichwohl findet sich auch im zwölften Buch des 74-Jährigen etwas Lokalkolorit. Postkarten mit Motiven aus Langenthal um 1900, ein Holzstich von 1893, der das Schloss Aarwangen zeigt oder ein Kupferstich von 1642 mit dem Kloster St. Urban als Sujet. Besonders grossartig ist aber das Aquarell von H. P. Lehr, das das Schulfest um 1812 in Langenthal zeigt. «Ein Bild sagt mehr als tausend Worte» überschreibt Baumann diesen Abschnitt und die in der Folge detailreich vergrösserten Ausschnitte aus dem Aquarell unterstreichen diese Aussage trefflich. Das Aquarell befindet sich übrigens im Besitz von Rudolf Baumann, hätte aber einst ins Langenthaler Museum kommen sollen. Ein Freund, mit dem er beim Mittagessen sass, habe ihm einst geklagt, dass er im Auftrag des Museums Langenthal das besagte Bild zu ersteigern versucht habe. Ein unbekannter Telefonbieter habe ihn leider überboten. Worauf ihm Baumann mitteilte, das sei er gewesen. «Hätten wir das beide vorher gewusst, wir hätten das Bild günstiger haben können», sagt Baumann lachend.

Sammeltätigkeit und Interessen verlagern sich
Das jüngste Buch von Rudolf Baumann beinhaltet die unterschiedlichsten Themen. Ob der Themenfülle ist man als Leser gut beraten, das Buch nicht in einem Zug durchzulesen, sondern immer wieder zur Seite zu legen, nur einzelne Kapitel zu lesen und so fortlaufend neues «Altes» wiederzuentdecken. So ist eigentlich auch Rudolf Baumann in seiner Sammeltätigkeit vorgegangen. «Ich bin kein Endlos- Sammler», sagt er von sich selber, «ich kann auch aufhören, bestimmte Sachen zu sammeln, oder Gegenstände auch wegzuwerfen. Wenn ein Thema abgeschlossen ist, ist es abgeschlossen. » Und dann ist wieder Platz für Neues da. Momentan interessiere er sich für die «Golden Twenties», die goldenden 1920-er Jahre. Was daraus einst entstehen könne, das wisse er noch nicht, sagt Baumann. Vielleicht ein dreizehntes Buch?

THOMAS FÜRST

Rudolf Baumann «Mein Blick in analoge Zeiten», Langenthal 2018.
ISBN: 978-3-905817-91-1
Das Buch kostet 46 Franken und ist im Buchhandel oder beim Autor (info@trummlehus.ch) erhältlich.